Tradition trifft Moderne: Handwerk 4.0

Digi­ta­li­sie­rung im Sanitär‑, Hei­zungs- und Klimatechnikhandwerk
Mat­thi­as Thiel, Pro­jekt­lei­ter von HWG 4.0, im Inter­view © ZVSHK

Wie kann man das The­ma Digi­ta­li­sie­rung nut­zen, um jun­ge Men­schen für das Hand­werk zu begeis­tern? Und wie las­sen sich digi­ta­le Tech­no­lo­gien ein­set­zen, um älte­ren Kol­le­gIn­nen die Arbeit zu erleich­tern, Arbeits­pro­zes­se zu ver­ein­fa­chen und dem Fach­kräf­te­man­gel entgegenzuwirken?

In der Rubrik Tra­di­ti­on trifft Moder­ne: Hand­werk 4.0 erfor­schen wir den Stand der Digi­ta­li­sie­rung ver­schie­de­ner Hand­werks­be­ru­fe und schau­en uns genau­er an, wel­che Rol­le das The­ma bereits in der Aus­bli­dung spielt. Außer­dem befra­gen wir in unse­rer Inter­view­rei­he 4 Fra­gen an Men­schen aus der Bran­che über den kon­kre­ten Ein­satz digi­ta­ler Tech­no­lo­gien und spre­chen über damit ver­bun­de­ne Chan­cen und Herausforderungen.

Digi­ta­li­sie­rung im SHK-Handwerk

Der Beruf Anla­gen­me­cha­ni­ke­rIn ist durch die 2003 voll­zo­ge­ne Zusam­men­füh­rung ver­schie­de­ner Beru­fe kom­ple­xer gewor­den (Beruf des Monats: Anla­gen­me­cha­ni­ke­rIn). Nicht nur die Pra­xis ist viel­sei­tig, auch der theo­re­ti­sche Teil recht umfang­reich. In der Berufs­schu­le ste­hen des­halb eini­ge Aus­zu­bil­den­de vor gro­ßen Her­aus­for­de­run­gen und auch Mit­ar­bei­te­rIn­nen von Hand­werks­be­trie­ben sind bei Arbeit oft mit schwie­ri­gen Situa­tio­nen kon­fron­tiert. Im Fokus von For­schun­gen des Zen­tral­ver­ban­des Sani­tär Hei­zung Kli­ma steht aktu­ell daher unter ande­rem die Fra­ge, wie die Digi­ta­li­sie­rung dabei hel­fen kann, den Berufs­all­tag von Beschäf­tig­ten zu erleichtern.

Für Andre­as Otrem­ba, Pro­jekt­lei­ter des SHK-Kom­pe­tenz­zen­trums Ber­lin, steht das SHK-Hand­werk im Zuge der Digi­ta­li­sie­rung der­zeit vor allem vor zwei gro­ßen Her­aus­for­de­run­gen: Einer­seits gilt es die Arbeits­pro­zes­se von Betrie­ben digi­ta­ler zu gestal­ten und ande­rer­seits spielt das The­ma Gebäu­de­au­to­ma­ti­on (Smart Buil­ding) eine zuneh­mend wich­ti­ge­re Rol­le. Bei­de The­men sol­len zukünf­tig auch ver­stärkt in die Aus­bil­dung inte­griert werden.

Digi­ta­li­sie­rung der Arbeitsprozesse

Von der Auf­trags­an­nah­me bis zur – über­ga­be wird die ent­spre­chen­de Hand­wer­ker­soft­ware noch sehr unter­schied­lich und nur teil­wei­se von Mit­ar­bei­ten­den ein­ge­setzt. So gibt es bereits eini­ge Zusatz­tools, die z.B. zur Waren­be­stel­lung ein­ge­setzt wer­den oder mit GPS-Tra­ckern aus­ge­stat­te­te Werk­zeu­ge. Die Soft­ware soll jedoch als ein Gesamt­pro­zess funktionieren:
“Die Zukunfts­idee wäre die, dass der Mon­teur zum Kun­den geschickt wird und schon das iPad mit der im Vor­feld fest­ge­leg­ten Rou­te sowie dem ver­la­de­nen Werk­zeug und den Mate­ria­li­en dabei hat. So muss die­ser nur noch die Kun­den abfah­ren und spart damit erheb­lich Arbeits­zeit.”, so Otrem­ba. Ins­be­son­de­re in Zei­ten des Fach­kräf­te­man­gels sei dies ein ent­schei­den­der Faktor.

Effizienzhaus Plus am SHK-Stand auf dem KarriereCenter der bautec 2020 © Messe Berlin GmbH

Smart Buil­ding

Beim The­ma Gebäu­de­au­to­ma­ti­on sehe es ähn­lich aus. Nur etwa 10 bis 20% der Betrie­be arbei­ten laut Otrem­ba aktu­ell in dem Bereich. Smart Buil­ding ist die intel­li­gen­te Ver­net­zung aller Gerä­te eines Gebäu­des, durch die eine auto­ma­ti­sche Rege­lung von Hydrau­lik, Hei­zung, Wohn­raum­lüf­tung und Licht erfolgt. Die Gerä­te kom­mu­ni­zie­ren unter­ein­an­der und regu­lie­ren sich dabei selbstständig.
Das The­ma Gebäu­de­au­to­ma­ti­on befin­det sich an der Schnitt­stel­le vom/von der Ele­tro­ni­ke­rIn zum/zur Anla­gen­me­cha­ni­ke­rIn: “Elek­tro­ni­ke­rIn­nen kön­nen zwar gut pro­gram­mie­ren, haben aber von Hydrau­lik kei­ne Ahnung. Den Anla­gen­me­cha­ni­ke­rIn­nen hin­ge­gen geht es genau anders­rum.”, meint Otrem­ba. Hier steht die Fra­ge im Raum, wie sich zukünf­tig eine enge­re Zusam­men­ar­beit ent­wi­ckeln könnte.

Digi­ta­li­sie­rung in der Ausbildung

In der Aus­bil­dung wird bis­her nur rudi­men­tä­res Wis­sen über Smart Buil­ding ver­mit­telt. Otrem­ba ist sich jedoch sicher, dass sich dies bald ändern wird. Das The­ma soll des­we­gen zuneh­mend in der Aus­bil­dung eine Rol­le spie­len. Der­zeit befin­den sich zwei Aus­bil­der des SHK-Kom­pe­tenz­zen­trums Ber­lin in einer ent­spre­chen­den Schu­lung. Im Zuge der Digi­ta­li­sie­rungs­kam­pa­gne wur­de das Kom­pe­tenz­zen­trum neben 120 iPads außer­dem mit einem Smart-Home-Stän­der ausgestattet.

Seit 2016 sieht die SHK-Aus­bil­dungs­ver­ord­nung vor, dass Aus­zu­bil­den­de im Rah­men ihrer Leh­re die Mög­lich­keit haben sol­len, digi­ta­le Zusatz­kom­pe­ten­zen auf frei­wil­li­ger Basis erwer­ben zu kön­nen. Hier­bei han­delt es sich um Grund­la­gen­wis­sen über Hard­ware, Soft­ware und Social Media-Anwen­dun­gen. Im kon­kre­ten Fall kön­nen sich Aus­zu­bil­den­de selb­stän­dig ein Digi­ta­li­sie­rungs­pro­jekt für ihren Betrieb über­le­gen und die­ses anschlie­ßend dort umsetzen.
“Ich erin­ne­re mich hier zum Bei­spiel an eine Aus­zu­bil­den­de, die eine Ser­ver­lö­sung für die Ter­min­ko­or­di­na­ti­on in ihrem Aus­bil­dungs­be­trieb ent­wi­ckelt hat. Die­se ermög­lich­te anschlie­ßend eine ein­heit­li­che Ter­min­ko­or­di­na­ti­on des gesam­ten Teams.”, so Otremba.

Sven Hubbert mit seinen Azubis auf der bautec 2020 / Bildquelle: Sven Hubbert

Für Sven Hub­bert, ange­stell­ter Geschäfts­füh­rer und Betriebs­lei­ter der MADA Gebäu­de­tech­nik GmbH, liegt der Vor­teil der Ein­bin­dung jun­ger Men­schen in digi­ta­le Arbeits­pro­zes­se auf der Hand: “Sie ken­nen sich mit digi­ta­len Tech­no­lo­gien meist bes­ser aus als älte­re Kol­le­gen. Eine Mischung aus jun­gen und älte­ren Mit­ar­bei­te­rIn­nen ist für mich unschlag­bar. Unbe­zahl­ba­res Fach­wis­sen gepaart mit fri­schen, neu­en und digi­tal affi­nen Leu­ten – das ergänzt sich super.”. Doch nicht nur in der Aus­bil­dung, son­dern auch für die Gewin­nung von jun­gen Nach­wuchs­kräf­ten fürs Hand­werk, las­sen sich digi­ta­le Tools ein­set­zen: “Durch den gemein­sa­men Insta­gram-Account #lus­t­auf­hand­werk und unse­ren Fir­men-Account #mada.team.shk errei­chen wir jun­ge Men­schen und kön­nen uns mit ande­ren Hand­wer­kern ver­net­zen. “, so Hub­bert. Mehr dazu im Inter­view in unse­rer Rubrik 4 Fra­gen an.

Hand­werks­ge­sel­le 4.0

Der Zen­tral­ver­band Sani­tär Hei­zung Kli­ma arbei­tet in sei­nem 2018 ins Leben geru­fe­nen For­schungs­pro­jekt Hand­werk­ge­sel­le 4.0 an der Ent­wick­lung und am Ein­satz kogni­ti­ver und phy­si­scher Assis­tenz­sys­te­me im SHK-Hand­werk.  Am Bei­spiel der Bad­sa­nie­rung wird unter­sucht, wie die­se den Berufs­all­tag von Beschäf­tig­ten erleich­tern können.

Unterstützung durch die Datenbrille / Bildquelle: ZVSHK — Thomas Dietrich

Das kogni­ti­ve Assis­tenz­sys­tem als Lösung für die Arbeits­si­tua­ti­on: “Wenn ich nicht mehr wei­ter weiß.”

Kogni­ti­ve Assis­tenz­sys­te­me sind digi­ta­le Tools, die es Hand­wer­ke­rIn­nen ermög­li­chen, direkt vor Ort Infor­ma­tio­nen über Gerä­te und not­wen­di­ge Arbeits­schrit­te mit­tels spe­zi­el­ler Anwen­dun­gen abzu­ru­fen. So kön­nen bei­spiels­wei­se vor Ort Mon­ta­ge­an­lei­tun­gen auf eine Daten­bril­le gespielt wer­den, die bei der Repa­ra­tur oder der War­tung von Gerä­ten hel­fen. In der Medi­zin, in der Indus­trie und im Flug­be­trieb wer­den kogni­ti­ve Assis­tenz­sys­te­me bereits täg­lich ein­ge­setzt. In Hand­werks­be­trie­ben wer­den sie der­zeit noch eher sel­ten verwendet.

Laut Tho­mas Schwab, Pro­jekt­lei­ter der Til­ler­stack GmbH, sol­len die­se Anwen­dun­gen leicht und intui­tiv zu bedie­nen und für jeden Aus­bil­dungs­stand und jedes Alter pas­send sein. “Die Apps sol­len auf ver­schie­de­nen Gerä­ten ein­setz­bar sein und zwei grund­sätz­li­che Arbeits­wei­sen unter­stüt­zen: Assis­tenz zur Selbst­hil­fe und Hin­zu­zie­hung eines Exper­ten.”, so Schwab.

Exoskelette im Einsatz / Bildquelle. exoIQ GmbH

Phy­si­sche Unter­stüt­zungs­sys­te­me als Ent­las­tung auf der Baustelle

Ob bei der Instal­la­ti­on von Elek­trik, Roh­ren, Kera­mik­ele­men­ten oder Ama­tu­ren — häu­fig sind manu­el­le Tätig­kei­ten auf der Bau­stel­le nur unter Zuhil­fe­nah­me schwe­rer Werk­zeu­ge oder in Zwangs­po­si­tio­nen durch­zu­füh­ren. Phy­si­sche Unter­stüt­zungs­sys­te­me, soge­nann­te Exo­ske­let­te, kön­nen die mensch­li­che Kör­per­kraft dabei gezielt unter­stüt­zen. Sowohl tex­til- als auch star­kör­per­ba­sier­te Sys­tem­s­truk­tu­ren ste­hen hier zur Ver­fü­gung. Durch die Ver­wen­dung von Exo­ske­let­ten und die damit ver­bun­de­ne kör­per­li­che Ent­las­tung kann häu­fig auf­tre­ten­den Krank­hei­ten ent­ge­gen­ge­wirkt wer­den. Damit die­nen phy­si­sche Unter­stüt­zungs­sys­te­me dem Erhalt der Arbeits­kraft im Alter.

Das Pro­jekt befin­det sich der­zeit in der Labor­pha­se. Das kogni­ti­ve Assis­tenz­sys­tem und diver­se Exo­ske­let­te sol­len nun mit Aus­zu­bil­de­nen und Mit­ar­bei­ten­den des SHK-Hand­werks getes­tet wer­den. Anschlie­ßend wer­den Feld­ver­su­che auf der Bau­stel­le bei der Bad­sa­nie­rung durch­ge­führt, um Akzep­tanz und Usa­bi­li­ty zu untersuchen.


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