13.05.2026
Psychische Belastung, Mobbing, Mitbestimmung: Schulsozialarbeiterin Jessica im Gespräch

Das Deut­sche Schul­ba­ro­me­ter 2025/26 zeigt eine deut­li­che Belas­tung vie­ler Jugend­li­cher: Rund ein Vier­tel der Schü­le­rin­nen und Schü­ler weist psy­chi­sche Auf­fäl­lig­kei­ten auf, etwa 30 Pro­zent der 11- bis 17-Jäh­ri­gen berich­ten von Mob­bin­g­er­fah­run­gen. Gleich­zei­tig füh­len sich vie­le jun­ge Men­schen in der Schu­le nicht aus­rei­chend betei­ligt oder gehört. Jes­si­ca arbei­tet als Schul­so­zi­al­ar­bei­te­rin an einer Inte­grier­ten Sekun­dar­schu­le in Ber­lin-Pan­kow und erlebt die­se Her­aus­for­de­run­gen täg­lich. Im Inter­view spricht sie über Unter­stüt­zungs­be­dar­fe, psy­chi­sche Belas­tun­gen bei Jugend­li­chen, Betei­li­gung in der Schu­le und dar­über, was jun­ge Men­schen heu­te wirk­lich brauchen.

Laut Schul­ba­ro­me­ter berich­tet etwa jede/r drit­te Jugend­li­che von Mob­bin­g­er­fah­run­gen, gleich­zei­tig zei­gen vie­le psy­chi­sche Belas­tun­gen. Spie­geln sich die­se Ent­wick­lun­gen auch in dei­nem Schul­all­tag wider? Wo siehst du aktu­ell den größ­ten Unterstützungsbedarf?
1

Ja, auf jeden Fall. Die Zah­len aus dem Schul­ba­ro­me­ter decken sich mit dem, was ich täg­lich erle­be. Der Unter­stüt­zungs­be­darf ist dabei sehr vielfältig.

Auf emo­tio­na­ler und psy­chi­scher Ebe­ne brau­chen betrof­fe­ne Jugend­li­che ver­läss­li­che Ansprech­part­ner, Schutz vor wei­te­rer Aus­gren­zung und Hil­fe beim Umgang mit Angst, Scham, Wut oder Trau­rig­keit. Vie­le benö­ti­gen außer­dem Unter­stüt­zung bei der Suche nach pro­fes­sio­nel­ler Hil­fe oder Beglei­tung wäh­rend der oft lan­gen War­te­zei­ten auf einen Therapieplatz.

Beim The­ma sozia­le Unter­stüt­zung geht es häu­fig dar­um, Ver­trau­en zu Mit­schü­le­rin­nen und Mit­schü­lern wie­der auf­zu­bau­en, sozia­le Kom­pe­ten­zen zu stär­ken und ein siche­res Umfeld in der Klas­se zu schaf­fen. Dazu gehö­ren Kon­flikt­lö­sungs­stra­te­gien, der Umgang mit Grup­pen­druck und das The­ma Cyber-Mobbing.

Schu­lisch sind kon­se­quen­tes Ein­grei­fen und kla­re Regeln zen­tral, manch­mal braucht es auch indi­vi­du­el­le För­de­rung oder siche­re Rück­zugs­räu­me. Und auf fami­liä­rer Ebe­ne ist es wich­tig, Eltern zu bera­ten und Fami­li­en zu hel­fen, Warn­si­gna­le früh­zei­tig zu erkennen.

Wie äußern sich psy­chi­sche Belas­tun­gen bei den Jugend­li­chen, die du beglei­test? Und wie unter­stützt du sie kon­kret in dei­nem Arbeitsalltag? 
2

Die Anzei­chen sind sehr unter­schied­lich: Schul­di­stanz bis hin zur Schul­pho­bie, sozia­le Ängs­te, Panik­at­ta­cken, kör­per­li­che Sym­pto­me wie Bauch­schmer­zen oder Schlaf­stö­run­gen. Man­che zie­hen sich zurück, ver­lie­ren Inter­es­se an Hob­bys, erle­ben Ein­sam­keit. Das Selbst­wert­ge­fühl sinkt, Schul­leis­tun­gen wer­den schlech­ter. Bei eini­gen zei­gen sich Aggres­sio­nen oder Selbst­ver­let­zung bis hin zu Suizidgedanken.

In der Schul­so­zi­al­ar­beit bie­ten wir Ent­las­tungs­ge­sprä­che, Spa­zier­gän­ge und siche­re Rück­zugs­or­te. Wir ver­su­chen, die Ursa­chen zu klä­ren, und han­deln kon­se­quent. Bei Wie­der­ein­glie­de­run­gen hel­fen wir mit Stun­den­re­du­zie­rung. Wir ver­net­zen uns mit exter­nen Hel­fer­sys­te­men, beglei­ten zu Bera­tungs­ein­rich­tun­gen, bera­ten Eltern und spre­chen uns täg­lich mit Lehr­kräf­ten ab.

Die Stu­die betont, wie wich­tig Unter­stüt­zung durch Lehr­kräf­te und Mit­be­stim­mung für das Wohl­be­fin­den jun­ger Men­schen sind. Wie erlebst du die Zusam­men­ar­beit an dei­ner Schu­le? Und was wün­schen sich Jugend­li­che, um sich wirk­lich gehört zu fühlen? 
3

An mei­ner Schu­le ist die Zusam­men­ar­beit sehr gut, wohl­wol­lend und unter­stüt­zend. Was sich Jugend­li­che wün­schen, ist sehr indi­vi­du­ell. All­ge­mein möch­ten vie­le mehr Mit­spra­che, Räu­me, die sie eigen­stän­dig nut­zen dür­fen, moder­ne­re Unter­richts­in­hal­te und klei­ne­re Klas­sen. Sie wün­schen sich mehr Pro­jekt­ar­beit statt Fron­tal­un­ter­richt sowie Lehr­kräf­te, die hin­schau­en und die Lebens­welt der Jugend­li­chen wahrnehmen.

Wo siehst du der­zeit die größ­ten Lücken in der Prä­ven­ti­ons­ar­beit an Schulen? 
4

Ein gro­ßes Pro­blem ist, dass der Unter­richt oft Vor­rang hat. Dazu kommt: Vie­le Lehr­kräf­te sind auf die­sem Gebiet nicht aus­rei­chend qua­li­fi­ziert oder so über­las­tet, dass sie kei­ne Zeit haben, genau hin­zu­schau­en. Man­che haben auch Angst, etwas falsch zu machen.

Außer­dem fin­det sehr viel Mob­bing über sozia­le Medi­en statt. Als Insti­tu­ti­on Schu­le haben wir dar­auf wenig bis gar kei­nen Ein­fluss und kaum Ein­blick. Prä­ven­ti­on in die­sem Bereich muss im Eltern­haus anfangen.

Trotz vie­ler belas­ten­der The­men: Was gibt dir in dei­ner Arbeit Hoff­nung? Und was müss­te sich aus dei­ner Sicht in Schu­le, Poli­tik oder Gesell­schaft ver­än­dern, um Jugend­li­che lang­fris­tig bes­ser zu unterstützen?
5

Ehr­lich gesagt ist das eine Fra­ge, über die man stun­den­lang reden könn­te. Wer sich für kon­kre­te For­de­run­gen inter­es­siert, dem emp­feh­le ich die Initia­ti­ve „Schu­le muss anders”. Das sind auch mei­ne Gedan­ken, und die­se For­de­run­gen unter­stüt­ze ich.

Von der Poli­tik wün­sche ich mir, dass nicht an unse­rer Zukunft gespart wird. Es darf kei­ne Kür­zun­gen im Bereich Jugend­hil­fe und Schu­le geben. Außer­dem brau­chen wir kla­re Rege­lun­gen für sozia­le Medi­en mit recht­li­chen Konsequenzen.

Von der Gesell­schaft wün­sche ich mir mehr Gemein­schafts­sinn: ein „Wir” statt nur „Ich” oder „nur mein Kind”.

Und Hoff­nung? Ich baue mei­ne Arbeit nicht auf Hoff­nung auf, son­dern auf Kom­pe­tenz, ein gut zusam­men­ar­bei­ten­des Team und tat­säch­lich auf Freu­de, Wert­schät­zung und gegen­sei­ti­gen Respekt. Wir dür­fen nicht hof­fen, dass es bes­ser wird. Wir müs­sen etwas tun, jeder, immer, in jedem Moment.

Quellen:

Robert Bosch Stif­tung. (2026). Deut­sches Schul­ba­ro­me­ter 2025/26 – Befra­gung Schü­le­rin­nen und Schü­ler. Abge­ru­fen von https://www.bosch-stiftung.de/de/publikation/deutsches-schulbarometer-befragung-schuelerinnen

Deut­sches Schul­por­tal. (2026). Schul­ba­ro­me­ter 2025/26: Die wich­tigs­ten Ergeb­nis­se. Abge­ru­fen von https://deutsches-schulportal.de/bildungswesen/deutsches-schulbarometer-schuelerbefragung-2026-die-wichtigsten-ergebnisse/

Zurück