
Das Deutsche Schulbarometer 2025/26 zeigt eine deutliche Belastung vieler Jugendlicher: Rund ein Viertel der Schülerinnen und Schüler weist psychische Auffälligkeiten auf, etwa 30 Prozent der 11- bis 17-Jährigen berichten von Mobbingerfahrungen. Gleichzeitig fühlen sich viele junge Menschen in der Schule nicht ausreichend beteiligt oder gehört. Jessica arbeitet als Schulsozialarbeiterin an einer Integrierten Sekundarschule in Berlin-Pankow und erlebt diese Herausforderungen täglich. Im Interview spricht sie über Unterstützungsbedarfe, psychische Belastungen bei Jugendlichen, Beteiligung in der Schule und darüber, was junge Menschen heute wirklich brauchen.
Ja, auf jeden Fall. Die Zahlen aus dem Schulbarometer decken sich mit dem, was ich täglich erlebe. Der Unterstützungsbedarf ist dabei sehr vielfältig.
Auf emotionaler und psychischer Ebene brauchen betroffene Jugendliche verlässliche Ansprechpartner, Schutz vor weiterer Ausgrenzung und Hilfe beim Umgang mit Angst, Scham, Wut oder Traurigkeit. Viele benötigen außerdem Unterstützung bei der Suche nach professioneller Hilfe oder Begleitung während der oft langen Wartezeiten auf einen Therapieplatz.
Beim Thema soziale Unterstützung geht es häufig darum, Vertrauen zu Mitschülerinnen und Mitschülern wieder aufzubauen, soziale Kompetenzen zu stärken und ein sicheres Umfeld in der Klasse zu schaffen. Dazu gehören Konfliktlösungsstrategien, der Umgang mit Gruppendruck und das Thema Cyber-Mobbing.
Schulisch sind konsequentes Eingreifen und klare Regeln zentral, manchmal braucht es auch individuelle Förderung oder sichere Rückzugsräume. Und auf familiärer Ebene ist es wichtig, Eltern zu beraten und Familien zu helfen, Warnsignale frühzeitig zu erkennen.
Die Anzeichen sind sehr unterschiedlich: Schuldistanz bis hin zur Schulphobie, soziale Ängste, Panikattacken, körperliche Symptome wie Bauchschmerzen oder Schlafstörungen. Manche ziehen sich zurück, verlieren Interesse an Hobbys, erleben Einsamkeit. Das Selbstwertgefühl sinkt, Schulleistungen werden schlechter. Bei einigen zeigen sich Aggressionen oder Selbstverletzung bis hin zu Suizidgedanken.
In der Schulsozialarbeit bieten wir Entlastungsgespräche, Spaziergänge und sichere Rückzugsorte. Wir versuchen, die Ursachen zu klären, und handeln konsequent. Bei Wiedereingliederungen helfen wir mit Stundenreduzierung. Wir vernetzen uns mit externen Helfersystemen, begleiten zu Beratungseinrichtungen, beraten Eltern und sprechen uns täglich mit Lehrkräften ab.
An meiner Schule ist die Zusammenarbeit sehr gut, wohlwollend und unterstützend. Was sich Jugendliche wünschen, ist sehr individuell. Allgemein möchten viele mehr Mitsprache, Räume, die sie eigenständig nutzen dürfen, modernere Unterrichtsinhalte und kleinere Klassen. Sie wünschen sich mehr Projektarbeit statt Frontalunterricht sowie Lehrkräfte, die hinschauen und die Lebenswelt der Jugendlichen wahrnehmen.
Ein großes Problem ist, dass der Unterricht oft Vorrang hat. Dazu kommt: Viele Lehrkräfte sind auf diesem Gebiet nicht ausreichend qualifiziert oder so überlastet, dass sie keine Zeit haben, genau hinzuschauen. Manche haben auch Angst, etwas falsch zu machen.
Außerdem findet sehr viel Mobbing über soziale Medien statt. Als Institution Schule haben wir darauf wenig bis gar keinen Einfluss und kaum Einblick. Prävention in diesem Bereich muss im Elternhaus anfangen.
Ehrlich gesagt ist das eine Frage, über die man stundenlang reden könnte. Wer sich für konkrete Forderungen interessiert, dem empfehle ich die Initiative „Schule muss anders”. Das sind auch meine Gedanken, und diese Forderungen unterstütze ich.
Von der Politik wünsche ich mir, dass nicht an unserer Zukunft gespart wird. Es darf keine Kürzungen im Bereich Jugendhilfe und Schule geben. Außerdem brauchen wir klare Regelungen für soziale Medien mit rechtlichen Konsequenzen.
Von der Gesellschaft wünsche ich mir mehr Gemeinschaftssinn: ein „Wir” statt nur „Ich” oder „nur mein Kind”.
Und Hoffnung? Ich baue meine Arbeit nicht auf Hoffnung auf, sondern auf Kompetenz, ein gut zusammenarbeitendes Team und tatsächlich auf Freude, Wertschätzung und gegenseitigen Respekt. Wir dürfen nicht hoffen, dass es besser wird. Wir müssen etwas tun, jeder, immer, in jedem Moment.
Quellen:
Robert Bosch Stiftung. (2026). Deutsches Schulbarometer 2025/26 – Befragung Schülerinnen und Schüler. Abgerufen von https://www.bosch-stiftung.de/de/publikation/deutsches-schulbarometer-befragung-schuelerinnen
Deutsches Schulportal. (2026). Schulbarometer 2025/26: Die wichtigsten Ergebnisse. Abgerufen von https://deutsches-schulportal.de/bildungswesen/deutsches-schulbarometer-schuelerbefragung-2026-die-wichtigsten-ergebnisse/